Murambi

Einer der heißesten und klarsten Tagen seit ich in Kigali bin, sagt vogelzwitschernd Hallo. Ich habe kanadischen Couchsurfingbesuch. Wir machen uns fertig und marschieren hinaus in die Sonne. Ein kurzes Frühstück, also ein großes Glas Ikivuguto, eine Art Buttermilch, in einer Boutique und ab zur Main-Bus-Station in Nyabugogo. Wir kaufen zwei Tickets nach Nyamagabe, ein kleiner Ort im Süden Ruandas. Für ca. 3 Stunden Fahrt bezahlen wir jeweils 3000 RWF, ca. 3,50€. Unser Ziel ist das Murambi Genocide-Memorial. Die Busfahrt ist relativ angenehm. Aus dem zu lauten Radio strömt Pop-Musik in Kinyarwanda, der Busfahrer ist zum Glück nicht wahnsinnig und der Verkehr hält sich in Grenzen. Wie immer nehme ich mir vor zu lesen, kann meinen Blick allerdings meist nicht länger als ein paar Minuten von den unendlich vielen Hügeln abwenden. Die symmetrisch angelegten Reisfelder, die Bananenbaumplantagen und die intensiven Farben bringen mich immer noch zum Staunen. Pünktlich um 13:00 erreichen wir Nyamagabe. Es sind drei Kilometer bis zum Memorial. Die Motorrad- und Fahrradtaxis wissen sofort wo wir hinmöchten. Leider müssen wir sie enttäuschen, da wir beide lieber zu Fuß gehen möchten. Den Weg erklären sie uns netterweise trotzdem und sind noch viel überraschter als die Menschen in Kigali, dass ich Kinyarwanda mit ihnen spreche. Zuerst geht es 20 Minuten bergauf auf einer asphaltierten Straße. Wir überholen alle Fußgänger obwohl wir langsam gehen. Aber Ruander gehen in der Mittagshitze definitiv langsamer als langsam. Kinder verkaufen Sambusas in Plastikkübeln, Ziegen sind mit einer Leine an Bäume gebunden und fressen meckernd alles was wächst, viele Frauen kommen uns entgegen, die ihre auf den Rücken gebundenen Babys mit einem Schirm von der Sonne schützen. Auf beiden Seiten geht es steil bergauf, viele Menschen rasten im Gras, dicht zusammengedrängt im Schatten. Es ist offensichtlich, dass es hier wenige weiße Menschen gibt, zumindest ist es glaube ich nicht alltäglich, dass diese dann zu Fuß zum Memorial gehen, denn wir werden regelmäßig recht ungläubig angestarrt. Der nächste Wegweiser ist relativ nutzlos, da der Pfeil auf eine Weggabelung zeigt. Ich frage also nach dem Weg. Jetzt geht es 2 km auf einer Sandstraße weiter. Es ist der ruhigste Ort den ich bis jetzt in Ruanda gesehen habe. Die Sicht ist so klar, dass wir viele Kilometer weit sehen können. Das leuchtende Grün der Hügellandschaft wird nur durch ein paar wenige bunte Vögel und Bäume, deren Blätter in der Sonne blau schimmern, unterbrochen. Ab und zu begegnet uns ein Kind und sagt fröhlich „Good morning“. Dieser Ort ist der landschaftlich schönste den ich je gesehen habe. Alles wirkt so friedlich und je friedlicher mir alles vorkommt, desto unglaublicher erscheint es mir, dass es in ein paar hundert Metern eine Gedenkstätte geben soll in deren Umgebung während des Völkermordes von 1994, rund 45.000 Menschen innerhalb von 4 Tagen mit Macheten abgeschlachtet wurden.

 

Aus dem Nichts, mitten im Nirgendwo, unangekündigt aber unübersehbar taucht es dann vor uns auf. Einige Kinder, die an die weißen Touristen gewohnt sind und wissen, dass einige von denen nicht nachdenken und ihnen daher leicht der eine oder andere Amafaranga-Schein zu entlocken ist, fragen uns nach Geld. Nach einer kurzen Diskussion geben sie auf, möchten aber fotografiert werden. Nagut, Deal. Winkend werden wir von den Kindern verabschiedet, nickend vom Wächter des Memorials, der im Schatten auf einer Bank sitzt, begrüßt. Aus dem Gebäude kommt uns ein Ruander entgegen. Er ist der Direktor der Gedenkstätte und spricht sehr gut Englisch. Er fragt ob er uns draußen herumführen kann. Wenn wir möchten, könnten wir uns nachher die Ausstellung im Gebäude ansehen. Er bittet uns alles zu fragen was wir fragen möchten. Wir können sagen was wir möchten, es geht nicht nur darum Respekt zu erweisen und zu gedenken, sondern auch darum sich auszutauschen und zu lernen.

 

Die Gedenkstätte ist eine technische Schule, die 1994 im Bau war. Zu der Schule gehören zahlreiche kleinere Nebengebäude, die als Speise- und Schlafsäle dienen sollten. Ich weiß noch nicht viel über Murambi, mir wurde nur gesagt, dass es das heftigste, schrecklichste Memorial von allen sein soll. Der Guide erzählt uns, dass die lokale Regierung mit Unterstützung der Kirche, die Tutsi der Region aufgefordert hat, sich anstatt in Kirchen in der Schule zu versammeln, da diese von Truppen, unter anderem aus Frankreich beschützt wird. Daraufhin strömten zigtausende Tutsi in die Schule. Zunächst wurde den Menschen noch zu Essen und zu Trinken gegeben damit sie sich in Sicherheit fühlten. Nach kurzer Zeit wurden allerdings Strom- und Wasserleitungen gekappt, die Menschen wurden immer schwächer und schwächer, die französischen Truppen verschwanden, die Völkermörder kamen. Zunächst versuchten sich die Menschen noch mit Steinen zu wehren, durch die fehlende Nahrung waren sie allerdings schwach und hatten keine Chance. Am 21. April begann die Interahamwe mit dem Massenmord in Murambi. Granaten wurden durch die Fensterscheiben geworfen. Alle Überlebenden wurden innerhalb von vier Tagen mit Macheten zerhackt. Es gab keine Gnade. Babys und Kleinkinder wurden genauso brutal hingerichtet wie die Erwachsenen. Die Interahamwe wurde von normalen Dorfbewohnern unterstützt. Viele von denen metzelten in diesen vier Tagen ihre eigenen Nachbarn, Freunde und Familienmitglieder nieder. Der offizielle Begriff für das Töten während des Völkermordes war „arbeiten“. Das Morden war in Schichten eingeteilt. Töten war der Alltag vieler Hutus für diese 100 Tage während des Völkermordes in Ruanda. Der Guide benutzt den Ausdruck „to clean people“. Von den ca. 60.000 Menschen wurden 45.000 in der Schule und deren Umgebung getötet. Die, die es geschafft haben zu entkommen, versteckten sich in Kirchen und wurden in den nächsten Tagen ermordet. Der Guide erzählt uns, dass es 12 Menschen gibt, die das Massaker von Murambi überlebt haben. Trotz des Mangels an Schusswaffen und Transportmöglichkeiten, war der Genozid von Ruanda effektiver als der Holocaust. Nachdem das Morden in Murambi vorbei war, kamen französische Truppen und errichteten einen Volleyballplatz über den Massengräbern, um zu vertuschen was geschehen war.

 

Der Guide erzählt uns die Geschichte Murambis während wir vor einem der Massengräber stehen. Es hat eine Türe, da manchmal immer noch Leichen auftauchen. Jetzt wissen wir über die Geschichte bescheid, zumindest kennen wir die groben Umrisse. Er führt uns zum ersten der Nebengebäude. Rund 1.000 Leichen wurden mit einem Leimpräparat konserviert. In jedem Raum der Nebengebäude sind Leichen zur Schau gestellt. Hauptsächlich Frauen und Kinder. Bei einigen kann man erkennen wo sie von der Machete getroffen wurden, manche haben noch Haare, bei vielen hat man das Gefühl einen Gesichtsausdruck erkennen zu können. Der Geruch ist sehr intensiv, ich nehme an, dass es an den Chemikalien liegt. Nach einigen Räumen kommen wir zu einem Raum, extra für Babys und Kleinkinder. Es ist schwer genug sich auszumalen, wie es sein kann, dass Menschen morden. Dass es aber für unzählige Ruander 1994 Alltag war mit Macheten auf Babys und Kinder einzuhacken ist nicht im geringsten vorstellbar. Vielleicht ist das der Grund wieso ich nichts fühle. Ich gehe durch die Räume wie in einem Museum und bin einfach leer. Keiner spricht, ich bemerke den Geruch nicht mehr und realisiere nicht im Geringsten, dass ich auf tote Menschen starre. Ein Raum nach dem anderen, überall liegen Leichen, zu Hunderten. In Nyamata war es mir fast unmöglich in der Kirche zu bleiben aber hier kämpfe ich nicht mit den Tränen, ich denke nicht, ich fühle nicht, weil ich nicht glauben kann, dass all diese Körper am Leben waren, Menschen waren, und von anderen Menschen aus Hass auf grausamste Art und Weise hingerichtet wurden.

 

Wir stehen nun an dem Ort, an dem französische Soldaten kurz nach dem Massaker über tausenden von Leichen Volleyball spielten. Außer unseren Stimmen ist nichts zu hören. Die Sonne scheint, wir stehen am Gipfel eines Hügels, um uns herum nichts als weitere Hügel, Menschen in ihren Feldern und gleitendenden Vögeln. Der Kontrast überfordert mich. Noch immer fühle ich gar nichts. In der Ausstellung lasse ich meinen Blick nur über die Informationen schweifen. Das Meiste davon weiß ich schon, außerdem kann ich mich ohnehin nicht konzentrieren. Wir verabschieden uns nach einem kurzen Smalltalk von unserem Guide und gehen zurück nach Nyamagabe. Zurück auf den Weg, auf dem Menschen lachen und sich unterhalten, ihrer Arbeit nachgehen und uns freundlich zuwinken. Ich beschließe meine Gedanken und Aufmerksamkeit genau darauf zu richten, auf das jetzt, die Gegenwart und sämtliche Eindrücke des Memorials sickern zu lassen.

 

Eine weitere Sache die für mich unvorstellbar ist, ist, dass ich davon im Jahr 2009 erfahren habe und, dass wahnsinnig viele Menschen noch nie etwas von diesem Genozid gehört haben. Alle sollten es wissen. Es wird im Geschichtsunterricht nicht erwähnt, es ist kein übliches Diskussionsthema und kaum jemand ist sich darüber im Klaren, dass in Ruanda 1994 innerhalb von 100 Tagen zwischen 800.000 und 1.000.000 Menschen ermordet wurden. Lest, informiert euch und erzählt davon. Ich finde, es muss darüber gesprochen werden und jeder sollte wissen, dass so etwas möglich war und passiert ist.

 

„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben.“
Primo Levi

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5 Gedanken zu „Murambi

  1. lieber fabian, danke für deine schilderungen, die mir wie immer direkt ins herz fahren. ich nehme mir deinen auftrag zu herzen und werde versuchen mehr und mehr darüber zu erzählen. du kennst meine erfahrung, dass meine erzählungen oft ein abwehren, weghören ausgelöst haben. ich denke, weil es so unvorstellbar ist, dass das in uns menschen wirklich begraben liegt, ich denke in uns allen. ich bin von levis worten überzeugt und darum werde ich wieder mehr zu erzählen versuchen. so wie es in dir sickert und bald auch in mir, wenn ich selbst dort bin, so wird es auch in anderen langsam aber doch wirken. Amahoro, amahoro, amahoro

  2. lieber fabian, mir fehlen die worte. beim lesen deiner schilderungen wirds in mir ganz still und ich habe das gefühl, auch um mich herum. ich werde weitererzählen, deinen bericht weiterschicken und dank dir dafür.

  3. danke für diesen beitrag. ich wusste wohl davon, aber ich hab es wie jeder hier auch wieder verdrängt. ich schäme mich für mich, weil ich damit so überfordert bin. ich heule und weiss, dass ich in jeder hinsicht scheitere, weil ich mich so machtlos fühle, so wütend und so machtlos. was bitte erzähl ich meinen Kindern – was ist zu machen, wie erkläre ich ihnen was genau? ich weiss es nicht. es schmerzt einfach nur.

  4. lieber fabian, mittlerweile waren wir gemeinsam in murambi. wenn ich deinen eintrag heute lese….ich hätte es nicht besser beschreiben können. mir erging es ganz ähnlich. ich habe die skelette, die mal menschen waren, berührt, ein versuch, sie als das was sie mal waren, zu erfassen. ich hatte ein gefühl der leere. zu erfassen, was da geschehen ist, ist für mich gleich bedeutend mit der erkenntnis, dass wir menschen und somit auch ich dazu fähig waren, sind und sein werden. das ist für mich der punkt. wieder zuhause. was mache ich nun mit dieser erfahrung, mit diesem wissen? welche verantwortung, welche möglichkeit und welche pflicht habe ich nun? ich suche nach menschen, mit denen ich diese fragen teilen kann. es ist so ein unfassbar intensiver unterschied, ob man darüber liest, einen film anschaut….oder ob man, wenn auch nur für ein paar wochen, in diesem land ist und mit den menschen lebt.

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